Willkommen im alten Zerbst

Volksstimme vom 20. Oktober 2006

Die Broihansgasse (Foto)

musste vor gut 30 Jahren den Plattenbauten von Zerbst-Nord weichen.

Volksstimme vom 20. Oktober 2006

Vortrag " Als es noch die alten Zerbster Straßen gab "
Straßen, Märkte und Gassen zum (wieder) entdecken
Thomas Drechsel

Dem Kneipengang folgt der Weg nach Hause – eigentlich logisch, dass Heimatforscher Helmut Hehne seinem virtuellen Spaziergang durch die einstigen Zerbster Gaststätten vom Frühjahr nun einen Bummel durch die alten Zerbster Straßen folgen ließ. Der Saal im " Rephuns Garten " war ausverkauft am Mittwochabend. Hehne hatte begeisterte Zuhörer.

Zerbst. Helmut Hehne, passionierter Heimatforscher und Ur-Zerbster, fing seinen Spaziergang über die alten Straßen von Zerbst mit einem " ollen Topf " an. Der war dann aber ganz wichtig, denn als " Terra sigillata ", als " gesiegeltes Gefäß ", belegte er seine Herkunft und dass er weit gereist sein musste. Und somit ein Beleg ist, dass Zerbst nahe der alten Handelswege der Bronzezeit gelegen hat. Der erste Straßenname am Vortragsabend war dann kein Zerbster, sondern mit der " Bernsteinstraße " ein internationaler. Der römische Handelsweg muss sich direkt nördlich um Zerbst herumgeschlängelt haben, um sich aus Richtung Magdeburg kommend ins Brandenburgische wenden zu können. " Das ging über den Kalkweg. Der verband die Magdeburger Straße über die Kötschauer Mühle mit der heutigen Dobritzer und Pulspfordaer Straße. "
Der Kalkweg ist nicht verbrieft, dafür aber " Mölenbrücke " ( 1299 ). Bereits 1213 ist " Anchun " für das Dorf vor Zerbst überliefert. Im 14. Jahrhundert wurden viele Zerbster Straßennamen erstmals dokumentiert – allerdings in Latein. " novus pons " ( Neue Brücke, 1324 ) oder " forum piscum " ( Fischmarkt, 1338 ) sind belegt. Interessant die Herleitung des Frauentors aus der Bezeichnung " valva dominarum ". Hehne : " Valva ist das Tor. Dominarum der Herrscher, aber domina ist die Frau. Später wurde daraus die Nonne, also das Frauentor !"
Dann aber stiefelte Hehne mit seinen 120 Zuhörern knapp zwei Stunden lang recht emsig durch die Zerbster Straßen, Gassen und Winkel. Und erzählte frei von der Leber weg, was es an überlieferten, teils auch selbst erlebten Anekdoten zu berichten gab.
Die Wehrhaftigkeit der einst reichen und mächtigen Stadt an der Nuthe dokumentiert sich in vielen Großaufnahmen, die teils von St. Nicolai, teils vom Bartholomäiturm oder dem Schlossturm aus entstanden. Zugleich präsentierte Hehne sehr schöne Nahaufnahmen – vom Wehrgang Gartenweg, vom Wiekhaus, vom Zuckerhut. " Er ist durch die tolle Unterstützung von Jever 1992 neu gedeckt worden. Wissen sie das noch ? Da hatten Lausejungs gegokelt. "

Hehne ließ die Kleinteiligkeit des alten Zerbst auferstehen. Schleibank, Fischmarkt, natürlich der Holzmarkt – der zum Zerbster Markt wurde –, die Heide. Es gab damals einen Frischfischmarkt (" der frische Hering ") und einen Fischmarkt (" der geräucherte Hering "). Hehne ließ ein Modell der einstigen Heidetor-Anlage entstehen. Ein mächtiger Bau. Zwingermauern ließen niemanden in Richtung Alter Teich wie heute. Und sprang hinüber in eine Markt-Ansicht mit Roland. " Der bewacht heute kein Rathaus und demnächst auch keinen Block 38 mehr ", so sein verschmitzter Kommentar. Ernst verärgert ließ er Färberstraße und Broihansgasse aufleben. " Abgerissen – wofür ?"
Dann hinein in den Schlossgarten. Eine Karte von 1798 war sehr schön. Und vor allem : Es gab keinen Schlossteich. " Den haben die zukarren und dann wieder freilegen lassen. So war das ", erzählte Hehne. Die Orangerie in ihren guten, schlechten und ganz schlechten Tagen war zu sehen. Und auch, dass sie über Wacholder besäumte Wege zu erreichen war. " Ich bin sowieso sauer, was in Zerbst in der Breite und der Breiten Straße passiert. Früher stand dort Rotdorn, und das war schön. Heute haben wir gerade mal auf der Breite ein paar Pflaumenbäume, die nichts tragen. " Ansichtssache, aber unterhaltsam vorgetragen.
1886 wurden die Straßen in Zerbst durchsortiert. Einige wurden dabei abgeschafft, andere umbenannt. Die damalige " Glockengasse " wurde zur Friedensallee. Sie hatte gerade drei Häuser. Die Käsperstraße tauchte auf. " Käsper kam von Kirschen ", deutete Hehne. In der Straße soll es viele gegeben haben.
Hehne nahm seine Gäste auch mit in den Ankuhn. Die alte Sandstraße, heute Magdeburger Straße, wurde lebendig, und an einem Weg verharrte Hehne : der Petersiliengasse. " Die Ankuhner mögen mir verzeihen, aber Petersiliengasse war im Mittelalter meist die Straße mit den Bordells. Wegen der Petersilie. Die Damen dort brauten einen Sud in der Hoffnung, dass der ihnen die Fruchtbarkeit nimmt. "

Helmut Hehne wird Anfang Dezember erneut mit Unterstützung der Kreisvolkshochschule durch die alten Zerbster Straßen spazieren. Auch diese Veranstaltung ist bereits ausverkauft. " Und die nächste Reise machen wir dann durch die Zeit, als wir Zerbst wieder aufbauten ", stellte er in Aussicht und zeigte fleißige Maurer beim Aufbau der Brüderstraße Anfang der 50 er Jahre.